
Zickenzoff & Milchkaffee
Montag, 5. September, 10:23 Uhr
Klassenfahrt. Na toll. Es macht ja auch total viel Spaß mit zweiundzwanzig kichernden, sich schminkenden Mädchen für eine qualvolle Woche nach Paris zu fahren. Das ist echt schrecklich, wenn man von den anderen verrückten Hühnern überstimmt wird, die alle in die „Stadt der Liebe“ wollen. Als normales Girl in Jeans, die nicht knalleng oder superkurz sind, wird man an einem Mädchengymnasium eben gnadenlos niedergemacht. Dabei hätten wir nach Berlin fahren können, Deutschlands politisches Zentrum, eine kulturtrunkene, geschichtsreiche Stadt – aber nein! Es siegt nun mal die Romantik, die meine Mitschülerinnen eindeutig mehr mit Paris als mit Berlin verbinden. Also aus nach Paris!
Wir sitzen momentan im Bus. Neben mir Carolin mit einer XL-Reisetasche mit einem großen „Hello Kitty“-Motiv. Über und um mich herum sind Trolleys und deren aufgedrehte Besitzerinnen verteilt. Ich muss mal wieder feststellen, dass meine Adidas-Reisetasche als einzige nicht in Bild passt, aber sie wird von den anderen einfach ignoriert. Genau wie ich. Unsere Lehrerin flirtet vorne mit dem Busfahrer und bekommt von all dem hier hinten nichts mit. Seufzend stelle ich meinen iPod lauter, rutsche im Sitz in eine gemütliche Position, schließe die Augen. Es kann nur noch besser werden!
Immer noch Montag, 22:26 Uhr
Na ja, es kam nicht wirklich viel besser. Irgendwie ist es total komisch hier, so viele Franzosen, die eine Sprache sprechen, die ich nicht mal kann. Vielleicht hätte ich im Unterricht doch mal ein bisschen aufpassen sollen, allerdings sind mir diese Nonstop-Kaffeetrinker echt egal. Immerhin sind wir in einem echten Luxusschuppen einquartiert, mit Doppelzimmern und eigenem Bad. Ich teile mir einen Raum mit Carolin, neben der ich ja gezwungenermaßen schon im Bus sitzen musste. Sie ist eigentlich echt nett, allerdings ist ihre Lieblingsfarbe Rosé und in ihrem Steckbrief hat sie mal angegeben, dass Shoppen und Flirten ihre größten Hobbys sind, die sie total liebt. Mann, echt, außerdem ist sie blond. Nicht dass ich was gegen Blondinen habe, aber ich kenn nun mal knappe hundert Blondinenwitze und meine Haare sind dunkelbraun. Ich hab keine Ahnung, wie Carolin in mein, nein, Korrektur, unser Zimmer gekommen ist, sonst klebt sie nämlich förmlich an ihren Freundinnen. Wahrscheinlich Zickenzoff.
Höhepunkt des heutigen Tages war das Abendessen. Crêpes mit Nutella, Zimt und Zucker, Apfelmus ... Lecker!! Ich würde töten für die köstlichen, dünnen Pfannkuchen. Hab mich dann auch gleich mehrmals beim Buffett bedient und prompt hat mir ein Junge aus einer anderen Klasse, die auch auf Klassenfahrt sind, zugelächelt. Wahrscheinlich macht er sich über meinen übermäßigen Crêpes-Konsum lustig oder er findet mich sympathisch. Ist mir eigentlich egal, Männer sind Schweine. Ich hab also nur die Augen verdreht, daraufhin hat er mir noch mal einen amüsierten Blick zugeworfen und hat sich auch einen Crêpe geholt.
Gerade ziehe ich mir meinen Pyjama an, der aus Shorts und einem Bandshirt besteht, und lege mich in mein kuschelweiches Bett – Zeit, schlafen zu gehen!
Dienstag, 6. September, 14:06 Uhr
Paris ist echt geil! Ich meine von den Sehenswürdigkeiten her: Eiffelturm, Triumphbogen, Champs-Elysees, Louvre ... So cool. Wir müssen eigentlich in Fünfergruppen so eine komische Stadtrally machen, aber ich hab mich nach ein paar Minuten mit einem leckeren Milchkaffee in ein Café gesetzt und genieße den Ausblick auf die belebte Straße. Frauen mit Sonnenbrillen und High-Heels kommen vorbei, lässig gekleidete Hundebesitzer, eine Gruppe Jungs ... Ich schließe die Augen und inhaliere tiiiiiief Großstadtluft.
„Hey!“
Ich öffne meine Augen wieder. Vor mir steht der Typ vom Abendessen und wuschelt sich mit den Fingern durch seine blonden Haare, was irgendwie echt niedlich aussieht. Niedlich, jetzt bin ich auch schon von diesem Mädchen-Kram angesteckt!
„Hallo“, antworte ich halbwegs höflich. „Was gibt’s?“
Der Junge lacht. „Hast du dich auch verbotenerweise von deiner Gruppe entfernt?“
Ich muss grinsen. „Exakt. Ich hab mich lieber allein auf die Suche nach den tollsten Ecken und Cafés vom Paris gemacht. In der Gruppe muss man immer den anderen nachlaufen und ich bin eher ein Alphatier als ein Mitläufer.“
„Ist bei mir genauso. Seelenverwandte?“
„Vielleicht“, gebe ich zurück. Ich muss zugeben, dass Flirten echt Spaß macht. Nachdem wir uns gegenseitig vorgestellt haben – er heißt Lukas, ich Tessa – reden wir über Gott und die Welt – Lukas ist klug und nett!
Nach einer halben Stunde haben wir beide das Bedürfnis, uns ein bisschen die Beine zu vertreten.
„Hast du Lust, mich zu begleiten? Ich gehe meine Schwester besuchen“, meint er gut gelaunt. „Sie hat eine Modeboutique ein paar Straßen weiter.“
Eigentlich bin ich ja nicht so die Modebegeisterte. Ich hasse Shoppen aus tiefstem Herzen, mag am liebsten lässige T-Shirts zusammen mit Shorts oder normalen Jeans. Meine Mutter will mich ja immer überreden, dass ich „mehr aus mir mache“, aber ich hab so eine dumpfe Ahnung, dass es auf rosa Kleidchen und hochhackige Schuhe rauslaufen wird – nur über meine Leiche! Aber mit Lukas wäre es schon was anderes ... Da ich nicht als Spielverderberin dastehen will, stimme ich zu und wir machen uns auf den Weg. Ein Blick auf meine Uhr sagt mir, dass ich mich in zehn Minuten am Treffpunkt nahe dem Eiffelturm einfinden sollte. Na ja, lieber eine Strafe riskiert als ein gutes Gespräch mit Lukas verloren.
Nebeneinander gehen wir durch die Gassen von Paris, es duftet nach frischen Croissants, Blumen, wir kommen hin und wieder an einem Brunnen vorbei oder entdecken ein kleines, süßes Café. Und wir reden über alles. Er erzählt mir, dass seine Eltern geschieden sind und dass er noch eine kleine Schwester hat, die gerade in den Kindergarten kommt; ich berichte ihm, dass ich mich weniger für Kosmetik, dafür umso mehr für Politik, Geschichte und Musik interessiere. Wir stellen fest, dass wir beide Gitarre spielen und auf die Band Blink-182 stehen, Gemeinsamkeiten. Und ich muss zugeben, dass ich Lukas doch in gewisser Weise attraktiv finde.
Eine knappe Viertelstunde später kommen wir bei der Boutique von seiner großen Schwester an.
„Es ist ein kleines Geschäft, das innen aber supermodern eingerichtet ist“, erklärt mit Lukas und tritt dann ein. Es ist angenehm kühl innen, eine gute Abwechslung zu der schwülen Sommerhitze draußen. Kaum sind wir drin, kommt schon die ominöse Schwester auf uns zu: lange Beine, die dunklen Haare zu einem akkuraten Bob geschnitten und natürlich im unvergleichlichen Pariser Chic gekleidet.
„Chérie!“, trällert sie, nimmt Lukas in die Arme und textet ihn mit einem Mischmach aus Deutsch und Französisch zu. Er grinst charmant, scheint sich wirklich zu freuen und beantwortet alle ihre Fragen im schönsten Französisch. Er hat mir erzählt, dass seine Familie früher einmal eine Weile in Frankreich gelebt hat, bevor sie nach Deutschland gezogen sind. Schließlich stellt Lukas mich vor: „Das ist Tessa. Eine Freundin von mir.“
„Oh, wie schön“, meint seine Schwester und lacht: „Ich bin Amelie. Tja, Luk, dann wird es wohl doch noch etwas mit dir und den Mädels. Ich dachte schon, du findest nie eine Freundin. Dabei bist du doch so ein junger, hübscher Mann!“
Lukas bekommt prompt einen roten Kopf, während ich mir ein Grinsen nicht verkneifen kann und Amelie mir verschwörerisch zuzwinkert. Dann meint sie: „So, Tessa, und du, magst du Mode?“
„Oh, eigentlich nicht so“, beginne ich und deute auf meine Hotpants und mein weites T–Shirt.
Amelie lächelt. „Ja, ich hatte auch mal so eine Phase. Das nennt man Rebellion. Wahrscheinlich findest du deine Eltern spießig, stehst auf Hardrock und magst am liebsten die Farbe Schwarz, richtig?“
Ich nicke halbherzig. „Nur mag ich die Farbe Grün lieber.“
Sie lacht. „Aber, Chérie, du hast so eine wunderschöne, schlanke Figur, die musst du zeigen. Dann stehen die Jungs auf dich und du bist die Queen der Schule. Das schwöre ich dir. Warte, ich such dir mal ein paar Sachen raus, die probierst du an und dann sehen wir weiter, okay?“
Amelie wartet meine Antwort gar nicht ab, sondern hat in Windeseile einen Arm voll Kleidung für mich rausgesucht. Ab dann lautet das Motto: anprobieren, den beiden präsentieren, die fachkundigen Kommentare von Amelie und Lukas anhören und entweder behalten oder wieder zurücklegen.
Eineinhalb Stunden später habe ich zwei Shoppingtüten voll mit Tops, Kleidern, Hosen und Schuhen. Alles hat einen Touch Vintage, aber durchaus Chic und Klasse – und vor allem sieht alles ganz französisch aus. Ich hab mich total in einem Blazer verliebt, aber auch die Sandaletten sind superniedlich. Ups, schon wieder niedlich. Irgendwie habe ich in der letzten Stunde gemerkt, dass Mode und Shopping doch gar nicht so oberflächlich ist wie ich dachte. Die Komplimente von Lukas waren natürlich auch ein Push für mein Selbstbewusstsein!
Gemeinsam gehen wir zum Hotel zurück und scherzen, welche Strafen wir wohl bekommen – ich tippe auf Putzdienst, Luk auf Aufsatzscheiben. Na ja, vielleicht ist unsere Verschwinden ja auch gar nicht aufgefallen. Als wir am Hotel ankommen, bleibt er stehen und meint: „War echt lustig mit dir. Müssen wir mal wieder machen.“
Ich grinse. „Ja, auf jeden Fall. Ich würde mich wirklich freuen. Sag deiner Schwester auf jeden Fall einen lieben Gruß, die Klamotten sind zauberhaft und der Sonderpreis natürlich super. Vielen Dank.“
Er lächelt. „Kein Ding, ich richte es ihr aus. Du, am besten tauschen wir Handynummern aus, damit wir uns mal wieder treffen können, okay?“
Ich nicke und kritzle, weil wir beide unsere Handys nicht dabeihaben, meine Nummer auf einen kleinen Notizzettel, er schreibt seine in einer schönen, schwungvollen Handschrift ebenfalls auf.
„Super. Vielleicht sehen wir uns ja beim gemeinsamen Putzdienst“, grinse ich.
„Und sonst auf jeden Fall beim Essen.“ Luk nickt noch mal. „Bis dann, Tessa.“
Ich bin einen Moment verwirrt, weil er meinen Namen so zart sagt, dann fange ich mich und antworte: „Ciao, Luk.“
Bevor ich noch irgendetwas Unüberlegtes tue, zische ich lieber ab.
17:34 Uhr
Oh mein Gott! Das ist ja wirklich die beknackteste Strafe, die sich Lehrer ausdenken können. Natürlich ist es aufgefallen, dass ich nicht zum vereinbarten Treffpunkt gekommen bin und nun meint meine Lehrerin, ihre pädagogischen Mittel an mir testen zu müssen. Ich habe den bescheuerten Auftrag bekommen, für die Klasse eine Stadttour vorzubereiten. Das Sightseeing wird übermorgen stattfinden, ich darf vor jeder Sehenswürdigkeit etwas reden, also Bauzeit etc., die anderen stellen Fragen und dann geht es weiter. Oh Mann, das bedeutet, dass ich ab jetzt in jeder freien Minute Kirchen oder andere Monumente googlen muss.
„Tessa?“
Carolin, wer sonst. Nachdem ich mich à la Superwoman ganz allein auf den Weg durch Paris gemacht habe, gelte ich in der Klasse als mutig und werde deshalb von den anderen und vor allem Carolin pausenlos angehimmelt. Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass ich meine Chucks gegen Ballerinas und meine Jeans gegen ein süßes Kleid getauscht habe, was bedeutet, dass ich nun quasi zu ihnen gehöre. Wer hätte das gedacht, dass ich mal mit den Tussis aus meiner Klasse einen DVD-Abend veranstalten würde. Das wird heute Nacht nämlich Wirklichkeit, Treffpunkt ist um Punkt zweiundzwanzig Uhr in Luisas Zimmer. Aber eigentlich ist es gar nicht so übel, sich mal mit jemand zu unterhalten und nicht immer die Einzige ohne Partnerin zu sein. Ja, was so ein paar Rüschen an dem neuen Rock ausmachen können ...
„Tessa? Hey, Tessa!“ Carolin stürzt ins Zimmer und wirft sich auf ihr Bett. Sie sieht mich mit ihren strahlenden, blitzblauen Augen an und platzt dann heraus: „Du warst doch mit dem süßen Typen unterwegs, Lukas, richtig?“
Oh, ich habe vergessen zu erwähnen, dass einem eine Beziehung zu einem halbwegs gut aussehenden Jungen die Aufnahme in die Tussifront noch mal erleichtert! Ich nicke. „Ja.“
„Okay, also, ich habe etwas ganz besonderes erfahren. Die Jungs, also auch dein Lukas, kommen heute Abend auch zum DVDs schauen. Ich hab sie gefragt und sie haben Ja gesagt. Ist das nicht der absolute Hammer?“
Ich muss mir ein fettes Grinsen verkneifen. Ja, das ist echt der absolute Hammer!
Und: Was ziehe ich nur an??
23:56 Uhr
Ich habe mich in den großen, roten Sitzsack gekuschelt, Luk ist neben mir und hat mir den Arm um die Schultern gelegt. Alle starren gebannt in den Fernseher, nur ich mustere meinen Traumprinzen von der Seite. Er sieht auf, schaut mir in die Augen und flüstert: „Was ist?“
„Nichts. Was soll schon sein?“
„Du schaust mich so an.“
Ich zucke mit den Schultern, flüstere: „Habe ich dir schon erzählt, dass ich als Strafe eine doofe Sightseeingtour planen muss?“
„Waaaaas?“ Auf seinen erstaunten Ausruf folgt prompt ein mehrstimmiges „Psst!“. Er dämpft seine Stimme und wispert: „Hey, da muss ich auch machen! So mit Fakten und Zahlen und Erbauer und so.“
Ich nicke. „Also dann, morgen Nachmittag zum Googlen in meinem Zimmer?“
Luk lacht leise, drückt mich an sich. „Mit Vergnügen!“
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