Pausenbegegnung

Mist. Jetzt hatte ich mir schon vorgenommen es ihm zu sagen und dann war er nicht da. So eine... „Hey, Lilli!“, rief mir Ben zu. Ben, der beste Kumpel von ihm. „Hey, Ben!“ Ben kam auf mich zu und erzählte mir irgendeinen Kack von seiner Lehrerin. Mich interessierte es nicht und ich hörte ziemlich schnell auf, ihm zuzuhören. Das er auch immer so 'nen Mist labern muss! ...Ups. Das hatte ich doch jetzt nicht laut gedacht, oder? Hatte ich anscheinend doch, denn Ben machte den Mund zu murmelte dann etwas von: „Das kann man einem auch freundlicher sagen“, und ging beleidigt davon. Das wollte ich jetzt echt nicht. Aber ich wollte jetzt auch nicht hinter ihm her rennen. Also brüllte ich über den ganzen Schulhof: „ Ben! Das war doch nicht so gemeint! Entschuldigung!“ Ben drehte sich um, genau wie alle anderen auch. Ich hatte mich mal wieder peinlich gemacht. So wie so oft.
Langsam kam Ben zurück. Er guckte mich komisch an, meinte dann aber nur: „Das kennt man ja von dir!“ Danach sagte er kein Wort mehr. Das was ich da einfach gebrabbelt hatte, hatte ihn anscheinend mehr getroffen als ich gedacht hatte. Schon Scheiße, wenn man nicht mal etwas Spaß verstehen kann. Aber Gut, das was ich gesagt habe, war irgendwie kein guter Scherz zum Spaß haben gewesen. Ben nickte nur. Ich hatte mal wieder laut gedacht. Das kam öfter vor, als ich es wollte. „Weißt du wo Pascal steckt?“, fragte ich Ben, um vom Thema abzulenken. „Der müsste eigentlich in der Pausenhalle sein. Aber ich würde ihn jetzt nicht stören. Er wollte in Ruhe über etwas nachdenken.“ „In der Pausenhalle?!“ Ich rannte los.
In der Pausenhalle war viel los. Die kleineren Kinder standen in Massen vorm Kiosk und drängelten sich immer wieder vor. Größere Schüler saßen an Tischen und machten Hausaufgaben, spielten Karten oder aßen ihr Frühstücksbrot. Ein paar Mädchen aus dem Abi-Jahrgang saßen mit ihren Typen zusammen auf einer Bank am Fenster. Unauffällig stellte ich mich in eine Fensternische, um Pascal im Raum zu suchen. Doch das war Überflüssig, denn, kaum war ich an der Nische angelangt, sagte jemand: „ Au! Das war mein Fuß!...Lilli, was machst du denn hier?“ Genau. Ich war in einer Fensternische gelandet, in der schon jemand stand. „Ich...ich...“ „Du...du. Was willst du hier?“ „Ich..hab' dich gesucht. Und eigentlich wollte ich....dir...“ „Du wolltest mir was? Mir eine Kleben?“ „Nein, nein. Ich...ich...wollte dir...etwas...“ Mir fehlten die Worte. Jetzt stand ich schon vor ihm und aus mir kam nur wirres Zeug. Wie sollte das denn jetzt nur weiter gehen? „Lilli. Komm zur Sache. Du wolltest mir etwas geben? Sagen? Kaufen? Oder was?“ Wenn der Typ nicht endlich mal die Klappe halten kann, dann kleb ich dem wirklich eine. „Nein! Also genau genommen soll ich dir etwas ausrichten. Von Ben. Der hat gesagt, das ich dir sagen soll, das der gesagt hat, das Frau Müller sagt, das ihr sagt, die hätte gesagt, das du ge...“ „Mensch Lilli! Was soll den das? Kannst du mich nicht endlich mal in Ruhe lassen. Ich möchte nachdenken!“ Was muss der mich so anschreien? Okay. Ich hab mal wieder alles versaut. Was laber ich denn auch für eine Scheiße. Das interessiert jetzt mal echt keinen was Ben über Frau Müller gesagt hat und so 'nen Quark. „Gib mir noch eine Chance, bitte!“ „Na gut. Aber dann gehst du!“ Also: Lilli, du tust es jetzt. Wenn nicht, dann kannst du ihn echt vergessen. Sammle dich jetzt, damit du keinen Quatsch redest. „Okay....Ich muss dir etwas sagen, und das ist jetzt kein Auftrag von Ben...oder so. Das mach ich von mir alleine aus“, komm zu Sache, komm zur Sache. Du treibst mal wieder voll ab(!!), „ Und das was ich dir sagen möchte ist, dass ich...mich...in...dich...ver...liebt habe...“ Schweigen von dem mir gegenüber. Ob das jetzt das richtige gewesen ist, es ihm hier in der Pausenhalle zu sagen? Hätte ich es ihm überhaupt sagen sollen?
Auf die Reaktion von ihm war ich, ehrlich gesagt nicht vorbereitet gewesen. Er guckte mich erst an, nahm dann meine Hand und blickte auf den Boden, während er sagte: „Ich mich doch auch in dich!“ Ich glaub er wurde sogar rot dabei. Das hatte ich nie in meinem Leben gedacht, das ausgerechnet er so etwas schönes mir sagen würde. Und was er dann machte, überraschte mich völlig. Er nahm nämlich mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Nicht nur einfach so aus Freundschaft, sondern richtig. So wie man halt einen küsst, den man liebt und von dem man auch weiß, das er ihn liebt. Bei ihm war es ja so der Fall. Ich hatte ihm es gesagt und er hatte es mir gesagt. Also war alles in bester Ordnung.
Dieser Kuss fühlte sich irgendwie unecht an. Aber gleichzeitig fühlte er sich auch wunderschön an. Ich glaube unecht, weil ich es noch nie vorher gemacht hatte und ich es mir immer vorgestellt hatte, wie es wohl ist, ihn zu küssen. Und wunderschön, weil jeder Kuss sich wunderschön anfühlen muss.
Und wie wir dann da so standen, küssend in einer Fensternische der Pausenhalle, stieß Ben zu uns. Ben verstand natürlich nicht, warum wir das, was wir machten, machten. Doch er checkte es ziemlich schnell und fuhr auch sofort aus seiner Haut: „Das macht ihr doch nicht mit Liebe, oder? Das hab ihr nur gemacht, weil Lilli es noch nie gemacht hat und es später bei mir machen möchte.“ Ich verstand ihn nicht. Warum sollte ich mit Pascal nur üben, damit ich es später bei Ben richtig machen konnte. Aus liebe, wie er es genannt hatte. Der Junge war ja schon komisch. Manchmal. „Warum sollten wir es nicht aus Liebe tun? Außerdem was geht dich das an? Und, warum sollte Lilli dich küssen?“ Eh, eh. Das waren doch Freunde, oder etwa doch nicht mehr? Hatten sie sich nur wegen mir...? Hoffentlich nicht. „Weil...weil...Es ist so: ich hab mich in sie verliebt. Ich weiß auch nicht...“, brach's aus Ben heraus. „Wie? Jetzt echt?“, Pascal konnte echt Killer-Fragen stellen. Mich würden solche Fragen umbringen. „Aber...Das ist so: Lilli und ich sind ein Paar. Du kannst daran jetzt nichts mehr drehen oder wenden, nur weil du dich auch in Lilli verliebt hast. Es ist nun mal so, dass Lilli mich liebt und nicht mich.“ Nachdem er das gesagt hatte, griff er nach meiner Hand und zog mich aus der Pausenhalle raus. „War das jetzt nicht ein bisschen hart für Ben? Immerhin ist er doch den bester Kumpel!“, fragte ich Pascal. „Nein, der verkraftet das. Ich kenne ihn doch. Er ist doch mein Kumpel!“ Dann war ich aber froh.
Bente

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