It-Girl-Dream

„Mia? Willst du einen Crème-Frappe oder einen normalen Caffè-Latte?“ Lara sah ihre beste Freundin fragend an. Diese antwortete nach kurzem Überlegen: „Oh, du kannst mir einen normalen mitbringen. Das wäre echt geil.“ „Okay.“ Lara checkte schnell ihr Outfit an und schlenderte dann in ihren pinken Sandaletten quer durch die Cafeteria zum so genannten „Kaffee-Buffet“. Dabei kam sie zwangsläufig am Tisch von Kim, ihrer Erzfeindin, vorbei. Die hatte Lara als ihr bevorzugtes Nervobjekt auserkoren, denn Lara war bei der Klassensprecherwahl als überlegene Siegerin hervorgegangen. „Hey, Lara. Na, wie geht’s?“, fragte Kim auch prompt. Mann, dachte Lara und registrierte mal wieder mit höchster Zufriedenheit, dass Kim nur halb so gut aussah wie sie selbst. Deshalb konterte sie auch sofort: „Mir geht’s besser als deiner Jeans.“
„Hä? Wie das?“ „Na ja“, grinste sie triumphierend, „Ich muss deinen Hintern Gott sei Dank nicht einmal anfassen. Deine Jeans muss ihn allerdings den ganzen Tag fühlen!“
Lara ging ohne eine Antwort abzuwarten weiter. Sie liebte einfach die Spielregeln ihres Mädcheninternates. Zickereien und Machtkämpfe um Beliebtheit standen nun mal an der Tagesordnung. Und Lara hatte nicht vor, das irgendwie zu verändern. Nein, sie stand darauf, sich zu stylen und Markenklamotten zu tragen. Mag sein, dass das für andere Leute jetzt eingebildet klang, doch es gab immerhin genug Stoff für ihre Kolumnen in der „Sweet Miss“.
Doch nun schüttelte Lara das alles ab und organisierte die Kaffees für sie und ihre Lieblingsfreundin. Hmmm, die Drinks schmeckten perfekt, wenn man noch die richtige Dosis Süßstoff dazugab. Mit den beiden Bechern, die sie auf einem Tablett balancierte, kehrte sie wieder an ihren Platz zurück. „Hier, deiner!“ „Danke!“ Mia sprang auf und umarmte ihr Freundin heftig und platzte raus: „Süße, ich hab eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche willst du zuerst höre?“
„Natürlich die schlechte“, seufzte Lara und lies sich auf ihren Stuhl fallen. „Alsooooo?“
„Okay, die Jungs haben heute Nachmittag keine Zeit, sie müssen geschlossen mit ihren Kumpels nachsitzen. Unser Rendezvous muss also ausfallen.“ „Oh, verdammt!“ Lara hatte sich schon total auf das Treffen mit ihrem Freund, der auf das angrenzende Sportgymnasium ging, gefreut. Praktischerweise war der nämlich der beste Kumpel von Mias Boyfriend und damit wäre eigentlich alles mal wieder super für ein Doppel-Date gewesen. Und gerade jetzt mussten die Jungs Mist bauen. Shit!
„Und die gute Nachricht?“, fragte sie hoffnungsvoll.
„Die gute Nachricht ist, dass du dich noch heute für die Schulsprecherwahl bewerben kannst, du hast den Anmeldeschluss also noch nicht verpasst.“
„Oh, geil.“ Lara griff nach ihrem Handy. „Das machen wir gleich nach der Mathestunde, okay? Ich hasse es, alleine ins Sekretariat zu gehen, das ist so unheimlich. Jetzt muss ich aber erst mal eine SMS an David schreiben.“
Nachdem die Nachricht an ihren Freund verschickt war, machten sich die beiden besten Freundinnen auf den Weg, beide eine supersüße Gucci-Tasche über die Schulter gehängt. Mathe stand an, das Hassfach der Zwei.
„Mann, wofür man das bitte braucht?!“, stöhnte Lara, doch kurz darauf hatte eine besonders komplizierte Matheformel schon wieder ihre Aufmerksamkeit gefordert.

„Du möchtest Schulsprecherin werden?“
„Exakt.“ Lara setzte ihr schönstes Klein-Mädchen-Lächeln auf und strahlte die Rektorin ihres Internates an. „Ich bin schon Klassensprecherin und kenne mich mit der Verantwortung also schon ziemlich gut aus.“
„Gut, ich notiere dich. Dann bist du also Bewerberin Nummer Zwei.“, teilte die Rektorin mit. „Außer dir hat sich bisher nämlich nur, äh, Kim beworben. Da fällt mir auf: Sie ist ja auch in deiner Klasse.“
Kurz verrutschte Laras Lächeln, doch sie fing sich sofort wieder und verabschiedete sich liebenswürdig. Mia würde sich auf einen ausgedehnten und dramatischen Wutausbruch gefasst machen müssen, so viel stand fest.

Der Tag der Wahl rückte immer näher und Lara bereitete sich fieberhaft auf ihre Rede vor. Nonstop probte sie vor dem Spiegel, textete Mia zu und versuchte auch noch die erste Deutschklausur dieses Schuljahres einigermaßen gut über die Bühne zu bringen.
Die Feindschaft zu Kim weitete sich immer weiter aus: Die Klasse teilte sich sogar in zwei Lager. Die eine, weitaus größere Gruppe formierte sich hinter Lara und machte Werbungsarbeit für sie, die andere Gruppe unterstütze Kim. Darunter litt das Klassenklima enorm, doch die Schülerinnen waren professionell genug, sich vor den Lehren nichts anmerken zu lassen.
Doch genau den Morgen vor der Schulersprecherwahl, die gegen Mittag in der Aula stattfinden sollte, suchte sich David aus, um seinem Girlfriend eine Hiobsbotschaft zu überbringen: „Lara? Kann ich dich mal kurz sprechen?“
Diese blickte auf, überrascht, ihn zu sehen. „Ja, klar, Darling. Was gibt’s?“
„Ich, äh, weiß nicht, wie ich es dir sagen soll …“
In Lara machte sich eine kleine, fiese Vorahnung breit. Er würde doch nicht … ? „Was denn?“
David blickte sie an. „Ich mache Schluss mit dir!“
„Waaaaaaaas?“
„Sorry, echt. Aber ich hab mich neu verliebt.“
„Ach so.“ Lara war starr vor Enttäuschung und Entsetzten. „Man sieht sich“, murmelte sie leise. „ich wünsch dir viel Glück.“
„ich dir auch. Und toi, toi, toi für die Schulsprecherwahl. Du gewinnst bestimmt.“ Damit wandte sich der coolste, sportlichste und bestaussehendste Junge des Nachbargymnasiums zum Gehen. Sekunden später fiel die Tür ins Schloss.
Lara schluckte … und heulte hemmungslos und volle Kanne los. Mist, verdammter! Sie war gerade verlassen worden! Was für eine Blamage für sie als It-Girl der Schule. Shit!! Tränenerstickt schluchzte sie auf, warf einen Blick auf die Uhr: Zehn vor fünf. Sie hatte also noch genau einundhalb Stunden Zeit, um ihr verheultes Gesicht wieder herzurichten und ein professionelles Gute-Laune-Grinsen auf zu setzten. Mann, dacht Lara und griff nach ihrem Make-up-Täschchen von Prada, ich muss unbedingt Schulsprecherin werden. Vielleicht klappt das ja mal in meinem Leben! Diese Kim sollte sich schon mal warm anziehen und ihre mausgrauen Locken zurechtzupfen, so viel stand fest.

Lara kam überpünktlich im „Backstage-Bereich“ der Aula an. Sie trug High-Heels, eine blickdichte Leggins in Silber, einen Minirock in dunkelblau und Bluse samt Blazer. Ihr hüftlanges, glattes Blond-Haar hatte sie elegant den Rücken heruntergekämmt.
„Hey, Kim“, grüßte sie ihre Konkurrentin, stoppte dann. „Ist, äh, alles okay?“
Kim schniefte und auch sonst sah sie zerknittert aus. Wie nach einem Heulkrampf. „Ja, schon. Passt.“
Lara zögerte kurz und überlegte, ob es ihren Coolnessfaktor mindern würde, wenn sie die Wahrheit verriet, sagte aber dann zu Kim: „Mein Freund hat gerade Schluss gemacht.“
„Meiner auch.“
Die beiden Mädchen starrten sich überrascht an.
„Wer war denn dein Freund?“, fragte Lara langsam, denn zum zweiten Mal an diesem Tag befiel sie eine böse Vorahnung.
„Mein Ex? David. David Müller“, lachte Kim bitter.
„Waaaaaaaas?“ Lara brüllte beinahe. „Das war mein Boyfriend!“
„Nein, hallo. Ich war mit David zusammen!“
„Doch. Dunkelbraune Haare, hellblaue Augen mit hässlichen Grünsprenkeln darin und ein megaschlechter Küsser?“
„Genau“, grinste Kim. Auch Lara musste lachen. Oh mein Gott, was war das denn bitte für ein bescheuerter Zufall?!? In Laras Kopf fügte sich auf einmal alles zusammen: Nachsitzen, ha, wahrscheinlich hatte er sich in der Zeit mit anderen Mädels getroffen.
„Scheißkerl!“, zischten Lara und Kim gleichzeitig. Und lachten.
„Lara?“
„Ja?“
Kim holte tief Luft. „Du, eigentlich hab ich gar keinen Bock mehr auf die Wahl.“
„Aber …“ Lara riss ihre getuschten Augen auf.
„ich hab das eigentlich nur gemacht, um dich zu ärgern. Ich was so neidisch auf dich. Du hast viele Freundinnen, alle bewundern dich und du siehst perfekt aus … und ich konnte es einfach nicht zulassen, dass du jetzt auch noch Schulsprecherin wirst. Und deshalb hab ich mich beworben, aber ich hab sowieso keine Chance. Und keine Lust mehr.“
„Das heißt …“
„Ich stelle mich nicht mehr zur Wahl.“
„Ist das echt okay für dich?“, fragte Lara vorsichtig nach. „Ich meine …“
„Das ist super. Ich sag’s gleich unserer lieben Rektorin.“ Kim machte sich auf den Weg.
„Danke“, brüllte ihr Lara hinterher. Sie meinte es wirklich ernst. „Und mit David lassen wir uns was einfallen.“
„Kein Problem“, schallte es aus dem Gang zurück. „Vize-Miss-School ist sowieso viel besser! Und der Racheplan für David kommt bestimmt.“

Wie in einem perfekten Roman kam alles in Laras Leben zu einem guten Ende, einem richtigen kitschigen Happy End: Sie wurde einstimmig zur Schulsprecherin gewählt und nahm gleich nach der Siegerparty ihre Ex-Feindin Kim mit einem exklusiven Cream & Choco-Latte neben Mia als ihre beste Freundin auf. Und auf der Party davor hatte sie einen verdammt süßen Typen kennen gelernt, der große Ähnlichkeiten mit Christiano Ronaldo hatte. Zu guter Letzt schwor sich Lara innerlich, dass sie das Internat aus einer Zickenschule zu einem netten, freundlichen Ort machen würde, in dem It-Girls zu Mutter Theresas werden würden. Oder so ähnlich. Die Klasse fand, nachdem Lara und Kim nun nicht mehr verfeindet waren, auch wieder zu einem guten Klima zurück.
Jetzt aber schwebte Lara erst Mal einem Date mit ihrem neuen Traumprinzen entgegen...

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