
Der Weihnachtsmann und ich
„Was??? Weihnachten ohne den Weihnachtsmann? Das ist unmöglich!“ Lilly war zu tiefst enttäuscht. War ja verständlich. Als sieben-jährige glaubt man natürlich nicht, wenn die Mutter erzählt, dass der Weihnachtsmann krank ist. „Aber Mama, der Weihnachtsmann kann und darf nicht krank sein. Der muss die Geschenke verteilen und den bösen Buben mit der Rute auf den nackten Po hauen!“ Jetzt war es Mama, die verblüfft schaute. Schon seit einer guten halben Stunde lief zwischen meiner kleinen Schwester, die felsenfest davon überzeugt war, auch dieses Weihnachtsfest den Weihnachtsmann wieder zu sehen, und meiner Mutter, die Lilly klar zu machen versuchte, dass es dem Weihnachtsmann auch mal erlaubt ist, sich krank ins Bett zu legen und umsorgen zu lassen, eine Diskussion. Und ich steckte mitten drin.Um ehrlich zu sein, fand ich Weihnachten nur hektisch. Geschenke kaufen, Weihnachtsbaum schmücken und meiner Schwester zuliebe einen Schneemann im Garten zu bauen war ja noch ganz in Ordnung. Eher hart an der Grenze, aber okay. Doch das ausgerechnet ich, ein dreizehn-jähriges Mädchen mit einem gar nicht so schlechten, gerade erst aufgebauten Ruf, für meine kleine ach so liebe Schwester, die es aber eigentlich faustdicke hinter den leicht abstehenden Ohren hatte, einen Weihnachtsmann aussuchen musste, war echt nicht fair. Ungelogen, seit dem 15. Dezember hatte ich Flyer ausgeteilt und kleine Plakat im Umfeld aufgehängt, aber gemeldet hat sich bis jetzt zum 23. immer noch keiner. Wie auch! Wer möchte an Heilig Abend für ein kleines abgedrehtes Mädchen den eigentlich kranken Weihnachtsmann spielen, anstatt gemütlich Zuhause im Wohnzimmer zu sitzen und von Oma gebackene Plätzchen zu vernaschen. Da entscheide ich mich hochhaus für die zweite Möglichkeit.
„Lilly, du musst es einsehen, dass der Weihnachtsmann dieses Jahr nicht aufkreuzen wird. Du wirst bestimmt auch ohne zurecht kommen!“ Langsam war meine Mutter von Lilly angenervt und machte sich nicht mehr all zu große Mühe, es ihr schonend beizubringen. Lillys Augen fingen an zu glitzern und dicke Tränen stiegen ihr in die Augen. „Das ist unfair!“, schrie sie gereitzt und rannte weinend in ihr Zimmer. „Glaubst du, Lilly hat es geschluckt?“, wollte ich von meiner Mutter wissen und schlenderte auf sie zu, um sie in den Arm zu nehmen. Ich sah ihr an, dass sie Lilly eben gar nicht so anschreien wollte. Immerhin war Weihnachtszeit, da sollte doch alles lieb und gemütlich verlaufen. Mama schluchzte. „Ich kann mich ja schlecht als Weihnachtsmann verkleiden. Das wäre eigentlich die Ausgabe eines anderen Elternteils!“ Das sie damit darauf hinweisen wollte, dass das mein Vater hätte machen müssen, war mir klar. Doch das ging schlecht, wenn er so gut wie nicht mehr zu unserer Familie gehörte. Doch das wollte meine Mutter immer noch nicht ganz einsehen. „Was sollen wir den jetzt machen ohne einen Weihnachtsmann für Lilly? Sie wünscht ihn sich doch so sehr!“, fragte meine Mutter, als wäre ich dafür zuständig. War ich ja eigentlich auch, aber so ganz konnte ich auch nichts dafür, wenn sich keiner auf die Anzeige meldete. „Ich geh' mal kurz nach unten in den Supermarkt und hole Schokoringe für Lilly. Die mag sie doch so gerne!“, schlug ich vor, um meine Mutter ein wenig zu besänftigen. Dankbar strich sie mir mit ihrer kalten Hand über die Wange und meinte: „Danke, Vicky-Liebling, das ist lieb von dir!“ Vorsichtig löste ich mich aus unserer Umarmung, zog mir meine Stiefel und die alte Daunenjacke an und lief das Treppenhaus nach unten. Ich musste nur wenige Minuten durch den Schnee die Straße entlang stapfen, da war ich auch schon beim Supermarkt. Zielstrebig ging ich durch die Reihen, die mit allem möglichem gefüllt waren. Ich ging an Weinflaschen der besten Art vorbei, auch kleine und große Adventkalender waren noch nicht alle verkauft. Ich schaute mir buntes Geschenkpapier an, bis ich schließlich bei den vielen Süßigkeiten stand und durchstöberte die üppige Auswahl. Gummibärchen, Schokolade, sogar Schokoosterhasen kamen zum Vorschein, nur die beliebten Schokoringe, die meine Schwester zu dieser Zeit über alles liebte und selbst im Sommer essen würde, die schien ausverkauft. Doch so leicht würde ich mich nicht geschlagen geben. Ich nahm mir vor, nicht ohne Lillys Schokoringe wieder aus dem Supermarkt zu gehen!
Gerade hockte ich vor einer Kiste mit Vorrat aus dem Lager, da fiel mir ein, dass es wesentlich einfacher wäre, wenn ich einen Verkäufer fragen würde, anstatt den gesamten Vorrat von vorne bis nach hinten und wieder zurück durch zu suchen. Flink sprang ich auf und wollte mich stehenden Fußes umdrehen, als ich gegen jemanden lief. „Oh, tut mir Leid, dass ich im Weg stand!“, entschuldigte der sich gleich, dabei war ich daran schuld. Erst nachdem ich geguckt hatte, ob alles an meinem Körper heil geblieben war und ich mich versichert hatte, dass ich nichts verloren hatte, schaute ich mir meinen Täter genauer an. Verlegen schaute der ins Süßigkeitenregal und massierte sich das Kinn, gegen das ich wahrscheinlich gelaufen war. Ich wusste nicht so recht, was ich genau sagen sollte und hatte mal wieder das übliche Problem, wenn ich sprachlos war. Dann hatte ich nichts besseres zu tun, als einfach dumm wie Brot drauflos zu quatschen. „Ja, ähm, gleichfalls, das tut mir ebenfalls leid!“, waren meine ersten Worten an den süßen Jungen, der zu meinem Opfer geworden war. „Also, das wollte ich nicht, eigentlich wollte ich nur eins, nämlich Schokoringe für meine kleine Schwester suchen. Und weil ich die nach langem Suchen nicht gefunden habe, wollte ich jetzt eigentlich zu einem Verkäufer, der mir das Gewünschte geben könnte.“ Hatte ich alles gesagt? Ich war mir nicht ganz sicher, was eigentlich ziemlich positiv war, denn so konnte ich erst mal Luft holen, weil ich in überschneller Geschwindigkeit meinen halben Lebenslauf erzählt hatte und jetzt meinem Gegenüber auch zu Worte kommen lassen konnte. Aber anstatt irgendetwas bescheuertes zu sagen, ob ich nicht mehr alle zusammen hatte, warum ich ihn mit soviel unnützem Zeug bombardierte und aus welchem Grund ich ihm das überhaupt erzählte, hielt er mir eine Packung hin, in denen sich Schokoringe befanden. „Ich mag die auch voll gerne und das waren die letzten, die ich eben aus dem Regal genommen habe. Wenn du willst kannst du sie haben. Ich brauche sie nicht wirklich. Nur zum Abregen, weil ich nirgends hier in der Umgebung zu Weihnachten einen abgemessenen Job finde“, erklärte mir der Junge mit der Schokoringpackung. Ich war beeindruckt. Er hatte mindestens genauso schnell geredet wie ich und noch dazu wusste ich jetzt im Groben und Ganzen über ihn bescheid. Ich lächelte ihn dankbar an und entschied: „Wenn du willst, begleitest du mich zur Kasse. Dann kauf ich die Ringe und draußen bekommst du dann ein paar. Oder hattest du vor, die ganz Packung zu verdrücken?“ Er schüttelte schnell den Kopf und ich nahm ihm nicht ganz ab, dass er wirklich nur ein paar essen wollte. Gemeinsam schlenderten wir zur Kasse und waren kurze Zeit später draußen, wo wir uns unter einer kleinen Überdachung auf einer Bank nieder ließen. Ich hielt ihm freundlich einen Ring hin, während ich selber auch in einen hinein biss. „Was wolltest du den für einen Job?“, fragte ich. „Egal!“, war seine Antwort. „Aber zur Winterzeit ist es eigentlich gar nicht so schlecht zu arbeiten. Ein bisschen muss ich nämlich schon verdienen. Deswegen habe ich in dem Supermarkt nachgefragt, ob die einen kleinen Job für mich hätten. Nicht so einen großen, so wie Verkäufer. Besser wäre nur Abends an Feierabend einmal den Laden durch zufegen und dann einen kleinen Lohn zu bekommen.“ Ich höre ihm interessiert zu und dachte drüber nach. Wir unterhielten uns gut und ich vergaß total, dass meine Mutter oben in der Wohnung ja auf mich und die Schokoringe wartete. Ich kam gut mit Ben, dem Schokoringüberbringer, zurecht, so redeten wir eine ganze Weile. Ab und zu stürmte es ein wenig, aber richtig kalt war es nicht. Ich fühlte mich wohl, das hatte ich Ben zu verdanken, und mir wurde richtig warm, als Ben mich anlächelten und wir schließlich nur noch zwei Schokoringe übrig hatten. Da fiel mir ein, dass ich die ja eigentlich für Lilly gekauft hatte und stattdessen aß ich die gemütlich mit Ben. Für ein paar Minuten war ich still. Dachte nach. Das musste ich ab und zu, auch wenn es nichts zu überlegen gab. Doch heute gab es etwas, über das ich schon seit dem 15. Dezember nachdachte. Da kam mir ein Geistesblitz! Nachdenklich, aber trotzdem sicher schaute ich Ben an. Er erwiderte meinen Blick, wusste aber gleichzeitg nicht so genau, wie er das verstehen sollte. „Ben?“ Er nickte nur. Mehr brauchte er ja auch nicht zu tun. „Du suchst doch einen Job, nicht unbedingt für lange Zeit, sondern einfach nur so, oder?“ Wieder nickte er stumm. Grinsend wollte ich die letzte Frage von ihm beantwortet haben: „Glaubst du eigentlich an den Weihnachtsmann?“
Heilig Abend war gekommen. Der Weihnachtsbaum war geschmückt und stand kerzengerade vor uns. Lilly, Mama und ich saßen im Wohnzimmer auf dem Sofa und warteten auf was auch immer. Da klingelte es. Ich guckte betont erschrocken und wollte von irgendjemanden wissen: „Oh, wer kann das sein? Ich habe vorhin im Supermarkt gehört, dass es dem Weihnachtsmann wieder besser gehen soll und er doch die Geschenke an die braven Kinder verteilt. Lilly, mach doch mal auf, ja?“, bat ich meine Schwester überfreundlich. Doch die machte keine Anstalt aufzustehen und zur Tür zu gehen. „Ich glaube nicht, dass das der Weihnachtsmann ist. Der ist krank“, brummte sie. Ich schüttelte energisch den Kopf und protestierte: „Der Weihnachtsmann krank? Der Weihnachtsmann kann gar nicht krank werden. Hast du selbst gesagt, oder?“ Mürrisch sah sie ein, dass das stimmte und machte sich auf den Weg in den Flur, um die Tür zu öffnen, denn es hatte schon ein zweites Mal geklingelt und den Weihnachtsmann sollte man nicht warten lassen.
Ich konnte hören, wie Lilly über den Flur schlurfte und die Tür auf machte. Dann hörte man eine Zeit lang nichts, bis eine tiefe Stimmte fragte: „Hohoho, waren hier denn auch alle artig?“ Anscheinend nickte meine Schwester, denn ich hörte wie der Weihnachtsmann reinkam und sah ihn schon ein paar Minuten später mit Lilly an der Hand im Türrahmen stehen sah. Lilly sprang glücklich auf und ab, während sie rief: „Der Weihnachtsmann ist wieder gesund und munter. Er hat in seinem Sack Geschenke mitgebracht. Er ist gesund, er ist gesund!“
Mama und ich grinsten und guckten uns siegessicher an. Stolz zwinkerte ich ihr zu und sie flüsterte: „Liebe kann ja anscheinend alle Krankheiten heilen!“
Es wurde ein lustiger Abend. Ben, verkleidet als der Weihnachtsmann schlechthin, blieb noch ziemlich lange, was mich genauso wenig wie meine Mutter und erstrecht nicht meine Schwester störte. Erst gegen neun Uhr entschied Ben, sich auf den Heimweg zumachte. Ein weing traurig verabschiedete sich Lilly von Ben, dieser gab danach meiner Mutter feierlich die Hand und mich schaute er verlegen an, weil er wohl nicht wusste, wie er sich von mir verabschieden sollte. Darum handelte meine Mutter schnell und schlug meiner Schwester vor schon mal vor ins Wohnzimmer zurück zugehen. „Wieso?“, wollte Lilly natürlich wissen. „Die müssen noch geschäftliches klären. Da dürfen wir nicht stören.“, war die Antwort meiner Mutter. Das kaufte meine Schwester ihr aber nicht ab und stellte fest: „Aber die gucken sich so komisch an. Mama, ich hab's!“, meinte sie dann, während sie noch ein letztes Mal zu mir und Ben guckte und danach im Wohnzimmer verschwand. „Vicky hat sich in den Weihnachtsmann verliebt!“, war ihre Feststellung. Anschließend fiel die Wohnzimmertür zu und Ben schaute mich fragend und gleichzeitg frech an: „Stimmt das?“ Ich ließ mir nichts anmerken und zuckte mit den Schultern: „Möglich!“ Er grinste: „Ach so klar, es dir etwas unangenehm, zu zu geben, in einen Weihnachtsmann verliebt zu sein.“ Jetzt grinste ich auch und machte die Haustür auf. Als Ben raus ging, sprang automatisch das Licht im Treppenhaus durch den Bewegungsmelder an. Erschrocken wich Ben ein Stück zurück. Er schaute nach oben, um den Bewegungsmelder zu finden und das Geschehen nachzuvollziehen. Es folgte ein Lächeln auf seinem Gesicht. Ich sah sofort den Grund, denn über mir hing ein Mistelzweig. Auch ich musste grinsen. Er kam ein Stück auf mich zu, sodass wir beide direkt darunter standen und er gab mir mein Weihnachtsgeschenk: Einen Kuss.
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