Smoothies zum Verlieben

„Mist!“, rief ich. Mir war schon wieder der Nagellack verrutscht. Wutentbrannt stürmte ich aus dem Zimmer und rein ins Badezimmer. Ich nahm den Nagellackentferner und versuchte, das klebrige und inzwischen fest gewordene rote Zeug von meinen Zehnnägeln zu kriegen. Es gelang mir nicht sonderlich gut. Nach 5 Minuten gab ich es auf, auch wenn man immer noch ein paar rote Farbreste sehen konnte.
„Mom, ich geh zur Schule“, sagte ich noch genervt, bevor ich durch die Tür in Richtung Bushaltestelle ging.

„Und das ist Kevin, unser neuer Mitschüler“, stellte Frau Kießling uns den gutaussehenden, süßen neuen Mitschüler vor. „Setz dich doch“, sagte Frau Kießling und zeigte direkt auf den Sitzplatz neben mir. Oh Shit, dachte ich. Neben mir war nämlich der einzige freie Sitzplatz. Ich musste so sitzen, weil Frau Kießling fand, dass ich ein bisschen zu viel rede. Immerhin konnte ich es verhindern, dass sie meine BFF Fini wegsetzte. Dann habe ich immerhin noch einen, mit dem ich quatschen konnte.
Und da kam er – er sah wirklich unglaublich gut aus. Er setzte sich neben mich und sagte kurz „Hi“ zu mir. Ich brachte auch ein „Hi“ zustande, wobei ich krampfhaft versuchte, ihn nicht wie eine Irre anzustarren. „Mensch Crissy, das ist echt ein guter Fang. Er sieht echt gut aus. Hoffentlich ist das nicht wieder einer von diesen zurückhaltenden, die nur dann reden, wenn's unbedingt sein muss. Solche kann ich echt voll nicht ab“, flüsterte Fini mir ins Ohr und guckte dabei immer mal wieder träumerisch zu Kevin rüber.
Vom Unterricht bekam ich kaum was mit, was hauptsächlich daran lag, dass Fini mich fast die ganze Zeit voll laberte und dass ich mit den Gedanken die ganze Zeit bei Kevin war.
Als die Stunde fast zu Ende war und ich schon einpacken wollte, schob mir Kevin einen Zettel zu. „Hausaufgaben“, murmelte er gleichgültig. „Was..?“, fragte ich. „I.. Ich hab aufgepasst, ich.. weiß die Aufgaben..!“ In Wahrheit hatte ich keinen Schimmer, was wir auf hatten. Während ich den Zettel trotzdem nahm guckte ich Kevin genau an und bekam dabei ein Kribbeln im Bauch. Ich steckte den Zettel achtlos in meine Hosentasche. Ich würde ihn beim Hausaufgaben machen sicherlich gebrauchen können.

Ich holte mein Englischbuch raus und kramte nach dem Zettel. Ich hatte so was von keine Lust auf die Hausaufgaben. Als ich das kleine Stück Papier endlich aus meiner Hosentasche gequetscht hatte, warf ich mich erleichtert aufs Bett und beschloss, dort die Hausaufgaben zu lesen und ein bisschen zu entspannen. Die Überraschung war groß, als ich beim Aufklappen plötzlich einen mit Blumen und Herzchen umrahmten, wunderschönen Brief in der Hand hielt, worauf stand:

Hi Christina,
ich weiß nicht, wie ich es sonst fragen könnte,
deswegen schreib ich dir einfach einen Brief.
Hast du vielleicht Lust, heute um 16 Uhr einen
Smoothie mit mir im Starbucks zu trinken?
Ich würde mich freuen!
Alles Liebe, dein Kevin

Ich war baff. Ich hatte noch nie einen solchen Brief bekommen, vor allem nicht von einem, den ich gut fand. Ich glaube, jetzt weiß ich, woran er in der Schule gearbeitet hatte. Er hatte nämlich die ganze Englischstunde gemalt und geschrieben und ich fragte mich schon, was er da machte. Und das war alles nur für mich gewesen!! Da ist es ja gut, dass ausgerechnet heute Tennis ausfällt. Ok, um 16 Uhr. Ich guckte auf die Uhr. Oh Gott, es war schon viertel vor vier! Ich zog mir schnell schickere Sachen an als meine ausgeblichene Jeans und das alte T-Shirt und checkte dann noch schnell meine Frisur und das Outfit am Wandspiegel im Flur. So müsste das gehen.
Ich lief schnell die Treppen runter zum Schuppen, zerrte das Rad raus und fuhr los.
Mit nur einer Minute Verspätung erreicht ich das Starbucks, das mitten in unserer Stadt lag.
Und da sah ich ihn schon, sitzend an einem Zweiertisch. Ich stellte mein Rad ab und sah ihn dabei unsicher an. Da entdeckte er mich plötzlich und sein Gesicht nahm einen freudigen Ausdruck an. Er winkte mich zu sich und ich kam immer noch unsicher auf ihn zu.
„Hey!“, begrüßte er mich freundlich, unentschlossen, aufzustehen und mich zu umarmen oder mir nur die Hand zu geben. Schließlich entschied er sich für letzteres, was mir auch angenehmer war, zumindest erst jetzt. Er war echt süß. Er war nicht so ein Macho wie Eric aus unserer Klasse, aber auch nicht zu schüchtern wie Robert, der echt nichts rauskriegt. Manche hätte seine Art vielleicht genervt, aber ich fand sie süß und genau passend, genau wie ihn.
„Hey“, grüßte ich zurück und kam mir etwas fehl am Platze vor. „Setz dich doch“, bot er mir an und rückte meinen Stuhl zurecht. „Danke“. Ich setzte mich. „Und, bist du schon lange in der Stadt?“, fragte ich ihn, um ein Gespräch anzufangen. „Nein, noch überhaupt nicht. Ich bin vor einer Woche hergezogen. Hier ist es aber echt sehr schön“, antwortete er und guckte sich in der Gegend um. „Ja, das stimmt.“ Das fand ich auch. Seltsam, mir kommt es vor, als ob wir uns schon ewig kannten und noch nicht gerade erst drei Minuten. Wir unterhielten uns lange, über alle möglichen Themen. Es war wunderschön und wir lachten viel.
Dann kam die Bedienung und ich bestellte einen kleinen Erdbeer-Smoothie wie immer. Kevin nahm einen großen Ananas-Maracuja-Smoothie.
Als die Smoothies ankamen, schlürfte ich gleich drauflos. Ich war durstig vom schnellen Fahrrad fahren, auch wenn das schon länger her war. Außerdem war es heute sehr heiß, einer der heißesten Tage im Jahr. Ihm ging es wohl ähnlich, denn er nahm auch gleich einen Schluck. „Schmeckt das denn?“, fragte ich und bemerkte, dass sich das ein bisschen unhöflich angehört hatte. Deshalb fügte ich sofort hinzu: „Weil Ananas-Maracuja ja nicht so alltäglich ist. Also selten und dann auch noch zusammen.“ Mir war das zwar peinlich, doch er reagierte gelassen darauf. „Wenn du möchtest, kannst du ja mal davon probieren.“ Er hielt mir seinen Smoothie hin. Ich schaute ihn dankend an und nahm einen Schluck. „Wow, der schmeckt ja richtig gut.“, rutschte mir raus. Er lächelte. Sein Lächeln war umwerfend. „Du kannst ruhig noch mehr, wenn du möchtest“, bot er mir an und zeigte auf den Becher. „Ja, vielleicht gleich, danke.“ Ich wollte ihm nicht alles weg trinken, aber nach einer Zeit bekam ich doch wieder Durst darauf. Ich wollte ihn nehmen, aber plötzlich spürte ich seine Hand auf meiner welche beide den Becher berührten. Alles in mir kribbelte.
Er guckte mich tief an und ich verlor mich fast in seinen wunderschönen, hellblauen Augen.
„Ich weiß, wir kennen uns noch nicht lange“, sagte er ernst, „aber ich glaube, ich habe mich in dich verliebt.“ Er nahm meine Hand vom Becher und hielt sie ganz fest. Ich fühlte mich geborgen als er meine Hand nahm. „Ich... mag dich auch sehr gern“, gab ich zurück. Und langsam, ganz vorsichtig näherten sich unsere Lippen. Der Kuss war wunderschön, so wie man sich einen ersten Kuss vorstellt. „Ich liebe dich“, flüsterten wir beide gleichzeitig und küssten uns noch einmal.

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