
Das Geburtstagsfinale
„Alle neu gewählten Klassensprecher treffen sich bitte heute in der 5.Stunde im Raum 208“, tönt es aus den Lautsprechern des Klassenzimmer. Wunderbar, endlich mal wieder ne Stunde frei, denke ich. Denn ich, Lene Mai, bin Klassensprecherin der Klasse 9b, zusammen mit meiner besten Freundin, Emily.
Die anderen sehen uns neidisch nach als wir das Klassenzimmer mit Block und Stift verlassen.
Der Raum 208 ist schon gut gefüllt, wir suchen uns gerade 2 Stühle nebeneinander, als mir jemand von hinten die Augen verdeckt. Ich weiß sofort wer es ist und als mir das sehen wieder erlaubt ist, drehe ich mich um. Vor mir steht einen Kopf größer, breitschultrig, unter dem T-Shirt ein Six-Pack versteckt: Mein Bruder! Er wird von seinen Kumpel nur Jo genannt, heißt aber eigentlich Johannes. „Auch Klassensprecher?“, frage ich in grinsend. „Natürlich! Sonst hat sich kaum einer zur Wahl gestellt und damit wars dann beschlossen.“ „Du spielst aber nicht fair, schließlich schüchterst du die anderen Jungs ein!“ „Wenn, dann nicht absichtlich!“, meint er ironisch lächelnd und verschwindet um sich einen Stuhl zu ergattern. Aber das dürfte für ihn keine Problem werden, er ist allgemein beliebt, vor allem bei dem weiblichen Geschlecht. „Mich wunderst immer noch, dass dein Bruder keine Freundin hat,“ sagt Emily neben mir. „Na ja, es ist eben noch nicht die gekommen, die ihn verdient hat.“ Und er hat mich, füge ich in Gedanken hinzu, denn ich liebe meinen Bruder über alles und kann ihn mir nicht mit einem Mädchen an seiner Seite vorstellen.
Der Schulsprecher tritt nach vorne und es wird ruhiger. Ich schaue mich nach meinem Bruder um, da entdecke ich neben ihm ein ganz neues Gesicht. Ein Junge etwa sein Alter, mit braunen Haaren mehr kann ich nicht erkennen. Ich berichte Emily von meiner Entdeckung. „Vermutlich ein neuer Schüler und er schaut sich hier um.“ Das wäre ne Erklärung. Dem Vortrag der Vertrauens-Lehrers höre ich überhaupt nicht zu, dafür habe ich ja Emily.
Denn ich suche derweil den Raum nach dem 2. Klassensprecher der Klasse 10, der Klasse meines Bruders, ab. Als ich kein bekanntes Gesicht entdecke, schlussfolgere ich blitzschnell, dass der Neue aus seiner Klasse kommen muss. Na, da kann Johannes sich aber auf Fragen gefasst machen, denn der Neue sieht wirklich guuuuhuut aus. Jubelrufe und Gelächter schrecken mich aus meinen Gedanken. „Was ist denn los?“, frage ich Emily verdattert, so lustig hat ich Schülerversammlungen nicht mehr in Erinnerung. „Na, wir machen die Jährliche SV-Fahrt und diesmal gehen wir ins Hotel! Ist doch super oder wir beide zusammen?“ „Spitzenmäßig! Nicht mehr diese ekelhaften Jugendherbergen. Das werden super drei Tage“. Ich lächelte meine Freundin an.
Beim gemeinsamen Abendessen, das ist meiner Mutter total wichtig, sie meint es hält die Familie zusammen, kommt mir die Gelegenheit Johannes nach dem Neuen auszufragen.
„Wer ist eigentlich der Typ der heute bei der SV-Sitzung neben dir saß? Hab ihn noch nie in der Schule gesehen“. „Oh das ist der neue Schüler, heute erst angekommen“. „Und? Weiter...“. Dem muss man echt alle Infos aus der Nase ziehen. „Wie weiter? Er heißt Vincent, kommt aus Berlin und ist 16 Jahre alt, super Rugby-Spieler, ganz sympathisch. Genug? Was interessiert der dich eigentlich so?“ Darauf ging ich lieber nicht ein also machte ich einfach weiter: „Und der hat sich mal umgesehen wie die SV so ist oder was?“ „Nee. Der ist auch Klassensprecher.“ „Was? Einen Tag da und schon Klassensprecher?“, fragte meine Mutter. „Ja, Mona hat ihn vorgeschlagen genau so wie mich, weil sonst niemand wollte. Ach ja Mama, es gibt wieder eine SV-Fahrt und dann habt ihr hier drei Tage sturmfreie Bude.“ Damit ist er weg, zum Rugby-Training.
Die SV-Fahrt verlief ziemlich langweilig. Die Gespräche liefen eher schleppend, weil jeder der Meinung war man könne sowieso nichts verändern. Mein Bruder sagte mir jeden Abend Gute Nacht, was ein kleines bisschen peinlich war, denn Vincent war meistens dabei. Er verstand sich gut mit meinem Bruder, was ich zugegebenermaßen gerne sah. Einmal morgens war ich ihm allein nur mit Boxershorts begegnet, wir beide verschlafen auf dem Weg in die Waschräume. Er sah einfach so gut aus, was man von mir natürlich in diesem Zustand nicht sagen konnte. In der Nacht darauf erzählte ich alles haargenau Emily und sie war sich sicher das ich verliebt war. Am 3. Tag, als er mir einen Guten Morgen wünschte und mich anlächelte, war es für mich auch nicht mehr zu unterdrücken. Ich war verliebt und zwar in den best aussehendsten Jungen, mit braunen Augen und einer Frisur wie Zac Efron nur in Braun.
Der Bus hält auf dem Schulhof, ich hab die ganze Fahrt geschlafen, deshalb bin ich noch nicht voll zurechnungsfähig. Johannes kennt mich und sucht auch nach meinem Koffer. Als er beide gefunden hat, beginnt er sich zu verabschieden. Ich lege auch mal damit los nehme jeden, der mit war, in den Arm. Als ich Vincent drücke bin ich enttäuscht, ich bekomme nur so eine Ein-Arm-Ich-Will-Mich-Nicht-Zu-Sehr-Anstrengen-Umarmung. Trotzdem höre ich nur sein „Tschüs!“ in meinen Ohren als ich mit Johannes den Schulhof verlasse.
„Mensch! Was soll ich bloß tun?“, frage ich Emily verzweifelt. „Die SV-Fahrt ist jetzt 2 Wochen her und ich habe nicht mehr mit Vincent geredet.“
„Komm schon,“ meint Emily, „du musst einfach mal auf in zu gehen, bestimmt findet er dich auch total toll!“ „Was soll er an mir denn schon toll finden? Meine hässlichen Haare vielleicht?“ „Komm mir jetzt nicht mit der Nummer okay. Du weißt das deine Haare toll sind und du wunderhübsch bist. Morgen ist dein Geburtstag, mach was daraus!“ „Danke!“, sage ich noch, dann lege ich auf.
Mein Geburtstagsoutfit lag schon seit zwei Wochen fest und aus der Küche war ich ausgesperrt. Ich hatte also nichts zu tun.
„Na? Bist du schon aufgeregt?“ Überrascht schaue ich von meinem Buch auf. Mein Bruder steht in der Tür, der hat mich wirklich schon ewig nicht mehr in meinem Zimmer besucht.
„Eigentlich nicht so richtig,“ grinse ich. „Ich müsste mal was mit dir besprechen,“ sprach er, „es geht um Vincent...“ Genau in diesem Moment rief meine Mutter: „“Johannes, komm doch mal bitte runter!“ Wie taktlos sie doch war.„Zu Befehl!“, er sah mich entschuldigend an. Was hat er mir bitte sagen wollen?
Passend zu meinem Geburtstag kam das Ende der Schulstunden total schnell, es war Freitag also wartete ich noch auf Johannes, da wir zur gleichen Zeit Schluss hatten.
Er kam mit Vincent und ein Paar anderen wild diskutierend aus seiner Klasse. Na das konnte dauern. Auf einmal sonderte Vincent sich von der Gruppe ab und kam auf mich zu.
„Ich hab gehört du hast heute Geburtstag, also wünsche ich dir Alles Gute!“
„Danke!“, höre ich mich sagen und nehme all meinen Mut zusammen, „bekomme ich ne richtige Geburtstags-Umarmung?“ „Na klar!“ Und er drückte mich mit beiden Armen an seine breite Brust. Überall an meinem Körper kribbelte es und ich fand er ließ mich viel zu schnell wieder los. Ich lächelte ihn an, aber er sah nachdenklich aus. „Ich glaube du bekommst noch etwas.“ Und dann küsste er mich, mitten auf den Mund, es kribbelte wieder überall und ich hatte das Gefühl zu schweben. Einfach himmlisch!
Nach und nach drang das Grölen seiner Klassenkameraden zu uns rüber und ich hörte die ironische Stimme meines Bruders: „Sag mal, machst du dich gerade an meine Schwester ran?!“
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